Identifiziert!

Die Spuren von Khalil* führen von der Türkei nach Griechenland und bis in die Schweiz – er ist auf der Flucht. In der Türkei wird er der Freiheitsberaubung, der Erpressung und des Mordes beschuldigt. Dank Fingerabdrücken und einer Red Notice von INTERPOL kann er in der Schweiz identifiziert werden.

Im September 2025 wird Khalil von der Schweiz in die Türkei ausgeliefert. Dort ist er Beschuldigter in einem Strafverfahren. Ihm wird vorgeworfen, im Jahr 2021 eine Frau in seiner Wohnung im Istanbuler Stadtteil Beyoğlu eingesperrt zu haben. Danach soll er ihre Familie erpresst und die Frau ermordet haben.

Die Ermittlungen der türkischen Behörden laufen auf Hochtouren. Doch Khalil ist nach seiner Tat nach Griechenland geflüchtet und hat sich dort eine falsche Identität zugelegt: Illias. Trotz seiner Flucht und einer neuen Identität wird er in Griechenland aufgespürt und im Auftrag der türkischen Behörden von der griechischen Polizei befragt. Er behauptet gegenüber den griechischen Behörden, dass er sich zum Zeitpunkt der Tat bereits in Griechenland befand. Nach der Befragung taucht Khalil unter. Im Oktober 2024 schreiben die türkischen Behörden Khalil über den INTERPOL-Kanal mit einer Red Notice international zur Fahndung aus.

Red Notice

Über INTERPOL tauschen Polizeibehörden aus 196 Mitgliedstaaten weltweit Fahndungs- und Warninformationen aus. Eine Red Notice dient der internationalen Fahndung nach einer Person mit dem Ziel der vorläufigen Festnahme und einer möglichen Auslieferung, ist jedoch kein internationaler Haftbefehl. Weitere INTERPOL-Notices sind:

  • Yellow: für vermisste oder unbekannte Personen
  • Blue: zur Abklärung einer Identität oder eines Aufenthaltsorts
  • Green: zur Warnung vor potenziell gefährlichen Personen
  • Black: zur Identifikation unbekannter Toter
  • Purple: für den Informationsaustausch von Tatmitteln und Vorgehensweisen
  • Orange: für konkrete Sicherheitswarnungen

Identifikation in der Schweiz

Rund eine Woche nach der INTERPOL-Ausschreibung kontrolliert die Kantonspolizei Jura eine Person wegen Verdachts auf Diebstahl. Was die Kantonspolizei noch nicht weiss: Es handelt sich dabei um Khalil, der in der Schweiz unter einem weiteren Aliasnamen lebt.

Ein paar Tage später fällt Khalil der Polizei erneut auf. Diesmal nimmt die Kantonspolizei Jura seine Fingerabdrücke auf und gleicht sie im von fedpol betriebenen automatisierten Fingerabdruckidentifikationssystem (AFIS) ab. Es kommt zu einer Übereinstimmung mit den in der Red Notice enthaltenen Fingerabdrücken. fedpol informiert die Kantonspolizei Jura und gleichzeitig das für Auslieferungsfragen zuständige Bundesamt für Justiz (BJ) über den Treffer, einen sogenannten Hit. Das BJ ordnet Auslieferungshaft an und informiert die türkischen Behörden über die erfolgte Verhaftung. Diese stellen wiederum ein Auslieferungsgesuch an das BJ, und der Polizeiattaché von fedpol in der Türkei unterstützt die Vorbereitungen rund um die Auslieferung.

Bei weiteren Untersuchungen kommt ans Licht, dass sich Khalil mindestens weitere fünf Aliasnamen zugelegt hatte. Um nicht erkannt zu werden, hat er sogar sein Erscheinungsbild verändert und sich ein grosses Tattoo auf den Nacken stechen lassen. So war er lange unbehelligt in Griechenland, Österreich und der Schweiz unterwegs. Das Auslieferungsverfahren gegen Khalil ging bis vor Bundesgericht. Im September 2025 ist es dennoch soweit: Aufgrund einer Auslieferungsbewilligung des BJ erfolgt die Überführung in die Türkei. Der Fall ist somit auch für fedpol abgeschlossen.

Die Bedeutung von biometrischen Daten

Biometrische Merkmale eignen sich besonders gut für die Identifikation, insbesondere Fingerabdrücke, denn die verändern sich nicht. Die feinen Linien an den Fingerkuppen, die sogenannten Papillarleisten, entstehen schon vor der Geburt und regenerieren sich selbst nach kleineren Verletzungen vollständig. Und sie sind einzigartig – sogar eineiige Zwillinge hinterlassen unterschiedliche Fingerabdrücke.

«Dieser Fall zeigt exemplarisch: Moderne Fahndung ist grenzüberschreitende Teamarbeit. Lokale, nationale und internationale Behörden arbeiten Hand in Hand – unterstützt durch die eindeutige Identifikation anhand biometrischer Daten.»

Koray, Polizeiattaché in der Türkei

* Name geändert

Ohne Informationsaustausch keine Polizeiarbeit