Falsche Papiere, echte Unterschriften

Spezialistinnen und Spezialisten von fedpol verfolgen die Spur gefälschter Dokumente und identifizieren Fälschungsserien – dank forensischem Profiling. Von Marokko über Italien bis in die Schweiz finden sie auf verschiedenen Dokumenten immer wieder die gleichen Spuren. Kein Wunder, läuten bei ihnen die Alarmglocken.

In Tunis klingelt das Telefon. Der Polizeiattaché von fedpol für Marokko und Tunesien, Frédéric, nimmt ab. Am anderen Ende der Leitung ist ein Amtskollege: der italienische Polizeiattaché in Marokko. In Casablanca sei ein Paar kontrolliert worden, italienische Staatsangehörige, die dem Anschein nach gefälschte Schweizer Reisepässe vorwiesen.

Ein paar Abklärungen später kann Frédéric seinem Kollegen den Verdacht bestätigen: Unter den betreffenden Passnummern sind im Register andere Namen eingetragen. Umgehend erfasst er die gefälschten Dokumente in den nationalen und internationalen Datenbanken und informiert die für den Fall zuständige marokkanische Gendarmerie Royale. Wie sich herausstellt, handelt es sich bei den zwei Personen um niemand Geringeres als flüchtige italienische Mafiabosse des Aprilia-Clans. Dank der Entdeckung der gefälschten Pässe können die tatsächlichen Personalien der beiden festgestellt werden, und da gegen die beiden ein von Italien ausgestellter und via INTERPOL verbreiteter internationaler Haftbefehl vorliegt, werden die beiden sogleich verhaftet. Sie dürften in ihr Herkunftsland ausgeliefert werden.

Für Frédéric ist damit aber noch nicht genug. Er übermittelt eine Kopie der gefälschten Pässe seinen Kolleginnen und Kollegen ins Berner Hauptquartier. Hier arbeiten Spezialistinnen und Spezialisten für Dokumentenfälschungen und insbesondere gefälschte Schweizer Dokumente. Solène übernimmt den Fall. Für die Analyse vergleicht sie die beiden Pässe zunächst miteinander. Eine Reihe leicht erkennbarer Elemente legt die Vermutung nahe, dass es sich um Fälschungen handelt: Ausrichtungsfehler, Rechtschreib- und typografische Fehler, falsch platzierte Sicherheitsmerkmale. Die Dokumente sind Nachahmungen der letzten Passserie und wahrscheinlich Totalfälschungen – mehrere Anhaltspunkte deuten darauf hin. Aber nur das Adlerauge einer Fachexpertin wie Solène kann gemeinsame Profiling-Merkmale herausfiltern, anhand derer ein Zusammenhang zwischen diesen beiden Fälschungen und allenfalls auch weiteren Fälschungen hergestellt werden kann.

Wenn Fälschungen Spuren hinterlassen: BIDIF zeigt das Gesamtbild

Basierend auf den Erkenntnissen aus der Analyse der zwei gefälschten Pässe führt die Spezialistin eine Suche in der interkantonalen Datenbank für gefälschte Identitätsdokumente (BIDIF) durch. Bingo! In der Datenbank ist ein totalgefälschter Pass erfasst, der dieselben Besonderheiten wie die ihr vorliegenden zwei Dokumente aufweist. Ein Zusammenhang zwischen diesen Dokumenten ist damit bestätigt. Denn diese besonderen Merkmale sind fälscherspezifisch und daher wie eine Art Unterschrift oder Markenzeichen. Sie deuten darauf hin, dass die Dokumente eine gemeinsame Herkunft haben und derselben Serie angehören. Wenn weitere Anhaltspunkte hinzukommen, kann möglicherweise eine Verbindung zu einem bestimmten kriminellen Netzwerk hergestellt werden.

Was ist forensisches Profiling?

Beim forensischen Profiling werden die typischen «Unterschriften» von Fälscherinnen und Fälschern identifiziert und anhand von diesen gefälschte Dokumente zu Serien verbunden. In der internationalen Datenbank ProFID-SERIES und ihrem schweizerischen Pendant, der BIDIF, werden diese Informationen zentral gespeichert und geteilt. So können länderübergreifend Fälle verglichen, Fälschungsserien aufgedeckt, die Polizeizusammenarbeit gestärkt und gegebenenfalls das Bestehen eines kriminellen Netzwerks belegt werden.

Manchmal sind es auch mit den Fällen verbundene kontextbezogene Informationen, die einen Hinweis liefern. In der BIDIF sind bereits einige Angaben erfasst. fedpol kontaktiert den Kanton, in dem das dritte gefälschte Dokument festgestellt wurde. Die Person, die mit dieser falschen Identität unterwegs war, wurde beim Versuch, ein Bankkonto zu eröffnen, in flagranti erwischt. Die Spur führt nach Frankreich, genauer: nach Paris. Und die Suche enthüllt gar einen Namen.
 
Schweiz, Marokko, Italien, Frankreich: Fälscher und ihre «Ausweisproduktion» kennen keine Grenzen. Einzeln betrachtet scheint jeder Fall seine eigene Geschichte zu haben. Erst zusammengenommen – dank forensischem Profiling – ergibt sich ein grösseres Bild: dieselben Fehler, dieselben Indizien, dieselben «Unterschriften». Diese Überlappungen sind vielleicht der erste Riss in der Fassade eines grösseren Netzwerks. Wie gross das Phänomen tatsächlich ist, wird sich noch weisen – wenn aber dieselbe Quelle noch einmal auftaucht, dann ist es kein Zufall mehr. Sondern eine Spur.

«Irgendwann macht es klick – und was nur eine Spur war, ergibt plötzlich Sinn und fügt sich zu einem Ganzen zusammen. Dank der gesammelten Informationen können wir die Ermittlungen steuern, in die richtige Richtung ermitteln und die von den Kriminellen hinterlassenen Spuren zurückverfolgen.»

Solène, Fachexpertin für Dokumentenfälschungen

Ohne Informationsaustausch keine Polizeiarbeit