Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser

Organisierte Kriminalität ist sichtbar – und dennoch schwer zu fassen. Nicht nur für die Strafverfolgungsbehörden. Mit der Organisierten Kriminalität verhält es sich wie beim berühmten Eisberg: Sichtbar wird sie bei einzelnen Delikten, Festnahmen oder Beschlagnahmungen – der Teil, der aus dem Wasser ragt. Der grösste Teil bleibt jedoch unter der Oberfläche: Netzwerke, Geldflüsse und Strukturen, die sich dem unmittelbaren Blick und der öffentlichen Wahrnehmung entziehen.

Gemäss Europol sind über 800 kriminelle Netzwerke europaweit aktiv, viele davon auch in der Schweiz. Dazu gehören zum Beispiel italienische Mafia-Gruppierungen, die albanische Organisierte Kriminalität, nigerianische Bruderschaften, türkische kriminelle Netzwerke sowie die in den Niederlanden ansässige Mocro-Mafia. Sie alle sind auf einzelne Deliktsfelder spezialisiert, etwa Betäubungsmittelhandel, Menschenhandel oder illegales Glücksspiel. Gleichzeitig arbeiten sie als Partner in Crime zusammen, stärken einander und nutzen gemeinsame Infrastrukturen mit demselben Ziel: ihrer Bereicherung. Und hier kommt die Schweiz ins Spiel. Als wirtschaftlich starker und politisch stabiler Standort im Herzen Europas ist sie attraktiv – als Transitland, als Umschlagplatz und als Zielmarkt. In gewisser Weise wird die Schweiz damit zum Hafen, den kriminelle Netzwerke gezielt anlaufen, um Gewinne zu generieren. Dabei ist ihnen jedes Mittel recht. Das stellt ein Risiko für unsere Wirtschaft, den Rechtsstaat und letztlich für unserer Demokratie dar.

Einige ausgewählte Fälle aus dem Jahr 2025 geben Einblick unter die Oberfläche: Das Bundesamt für Polizei (fedpol) ermittelt gemeinsam mit kanadischen Partnerbehörden und weiteren 17 Ländern, um ein Netzwerk hinter unzähligen Cyberangriffen zu zerschlagen. Dank eines Hinweises der Meldestelle für Geldwäscherei (MROS) deckt fedpol gemeinsam mit ausländischen Partnerbehörden einen der grössten europäischen Fälle von Geldwäscherei auf. Und gemeinsam mit den Kantonspolizeien und den französischen Partnerbehörden bekämpfen wir die stark zunehmenden Luxusautodiebstähle, hinter denen über Social Media rekrutierte Jugendliche stehen. Um dieses Phänomen koordiniert und über Kantons- und Landesgrenzen hinweg zu bekämpfen, richten wir Anfang April 2026 unter dem Lead von fedpol eine schweizweite Taskforce ein.

Was bedeutet das im Umgang mit diesem «Eisberg»? Wir wollen nicht nur an der Spitze des Eisbergs pickeln. Wir wollen das Wasser erhitzen, damit der gesamte Eisberg schmilzt. Das tun wir, indem wir einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz verfolgen und ein Umfeld schaffen, in dem sich kriminelle Netzwerke nicht entfalten können. Genau hier setzt die 2025 von Bund und Kantonen gemeinsam erarbeitete Nationale Strategie zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität an. Sie verfolgt drei Ziele: Organisierte Kriminalität erkennen, verhindern und bekämpfen.

«Wir verfolgen einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz und schaffen ein Umfeld, in dem sich kriminelle Netzwerke nicht entfalten können.»

Im Jahr 2026 steht die Erarbeitung eines Nationalen Aktionsplans (NAP) im Vordergrund. Mit konkreten Massnahmen sollen – in Zusammenarbeit mit unseren nationalen Partnern – der Informationsaustausch gestärkt, nicht polizeiliche Akteure wie Grundbuch- oder Migrationsämter sensibilisiert und die Zusammenarbeit mit ausländischen Polizeibehörden intensiviert werden. Bis Ende 2027 ist zudem vorgesehen, ein Paket mit Gesetzesanpassungen in die Vernehmlassung zu schicken, damit die Schweizer Strafverfolgungsbehörden noch wirksamere Instrumente zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität zur Hand haben.

Strategie der Schweiz zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität

Der Bundesrat hat an seiner Sitzung vom 19. Dezember 2025 die Strategie der Schweiz zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität gutgeheissen. Die Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und -direktoren (KKJPD) hat die Strategie am 27. November 2025 verabschiedet. Es ist die erste solche Strategie. Sie ist eingebettet in die Sicherheitspolitische Strategie der Schweiz und bildet die Grundlage, damit alle Staatsebenen der wachsenden Bedrohung durch kriminelle Netzwerke begegnen; behördenübergreifend und wirksam. Die Strategie legt Aktionsfelder für das Erkennen, Verhindern und Bekämpfen der Organisierten Kriminalität fest. Auf Bundesebene sollen verschiedene rechtliche Anpassungen in ein Gesetzespaket zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität fliessen.

Ausführliche Informationen finden Sie in der Medienmitteilung des Bundesrats mit der Strategie der Schweiz zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität.

Organisierte Kriminalität kann sich in vielfältiger Form zeigen. Erfahren Sie mehr über die Welt der Organisierten Kriminalität in der Schweiz.

Ich bin zuversichtlich, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Und ich bin stolz und dankbar für das, was wir gemeinsam mit unseren Partnerbehörden im letzten Jahr erreicht haben: Wir bekämpfen Schwerstkriminalität und schützen unsere Magistratinnen und Magistraten sowie Bundeseinrichtungen. Wir sorgen für Sicherheit an Grossanlässen. Wir haben die biometrische Identitätskarte weiterentwickelt. Wir analysieren und setzen Massnahmen zur Bekämpfung von Terrorismus und Cyberkriminalität um. Wir intensivieren die Polizeizusammenarbeit mit dem In- und Ausland. Wir, das sind Ermittlerinnen, Finanzanalysten, Juristinnen, Polizeiliche Sicherheitsassistenten, Fachexpertinnen für Explosivstoffe und Waffen, Polizeiattachés und viele mehr.

Nun wünsche ich Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, eine gute Lektüre!

  • Eva Wildi-Cortés, Direktorin fedpol